„Du weißt schon, dass das Lichtschutzfaktor 40 ist?“
Kathrin musste die Augen hinter ihrer Sonnenbrille nicht mal öffnen, um zu wissen, was Markus vorhatte.
„Ich will nur sicher gehen“, antwortete er. Zum vierten Mal seit dem Frühstück schmierte er sich eine dicke Schicht Sonnenmilch auf die Schultern. Dabei war es noch nicht mal Mittag. Zwei Wochen vor ihrem Ostseeurlaub hatte er auf RTL einen Bericht über Hautkrebs gesehen. Er wollte nichts riskieren.
„Du bekommst kein Melanom, nur weil du nicht in einer Wanne aus Sonnenmilch badest“, sagte Kathrin.
„Das kannst du nicht wissen“, sagte Markus und verrieb die Lotion in seinen Zehenzwischenräumen.
Kathrin grinste. Eigentlich war ihr nicht nach streiten. Sollte Markus machen, was er wollte – sie würde sich schön weiter bräunen, auch wenn sie dabei einen Sonnenbrand riskierte. Es war der erste Urlaub, seit Max auf der Welt war, und den würde sie genießen. Der Säugling lag ruhig schlafend neben ihnen unter dem Sonnensegel. Sie hatten ihm ein improvisiertes Bettchen aus der Wanne des Kinderwagens und einem Berg Badehandtüchern gebaut. Kathrin richtete sich auf, rückte die Brille zurecht und sah zum Wasser. Der Strand war voll mit Urlaubern, und das Wasser voll mit Kindern. Erst nach ein paar Blicken erkannte sie Jonas und Leonie, die sich inmitten der badenden Menschenmassen gegenseitig mit Wasser bespritzten.
„Sie spritzen sich wieder nass“, sagte sie. „Ich gebe ihnen höchstens zwei Minuten.“
Markus richtete sich ebenfalls auf.
„Sei doch nicht so pessi …“. Er unterbrach sich. Jonas schubste Leonie in die Wellen, ehe die sich aufrappelte und Jonas Kopf unter Wasser tauchte. Kaum war Jonas zurück an der Oberfläche, watete er schnurstracks Richtung Strand. Leonie warf die Hände über den Kopf, als wolle sie sagen, dass er sich nicht so anstellen solle, dann kam sie ihm hinterher.
„Es wäre auch zu schön gewesen …“, sagte Kathrin. Sie enttarnte Jonas‘ Tränen schon aus der Ferne als Krokodilstränen.
„Leonie hat mich untergetaucht!“, rief er, kaum in Hörweite. Einige andere Sonnenanbeter drehten sich nach ihm um.
„Weil er mich nassgespritzt hat!“, rief Leonie hinterher.
Kathrin und Markus sagten nichts, bis beide an ihren Platz herangekommen waren.
„Es ist uns egal, wer angefangen hat“, sagte Kathrin.
„Aber sie …“, fing Jonas an.
„Mama hat Recht. Jonas, du spritzt deine Schwester nicht mit Wasser voll. Leonie, du tauchst deinen Bruder nicht unter.“
„Aber er …“, fing Leonie an.
„Ihr hört jetzt beide sofort auf“, sagte Kathrin, „ich will einen entspannten Urlaub und wenn ihr nicht …“
„Es gibt jetzt Kuchen“, unterbrach sie Markus. Kathrin sah ihn irritiert an.
„Unterbrich mich doch nicht, wenn ich mit den Kindern schimpfe.“
Aber Markus ignorierte sie. Er hasste es, wenn Streit war.
„Die Sahne lag in der Sonne“, sagte er, „die kann man nicht mehr essen. Aber der Schokoguss ist noch gut, der ist nicht mal geschmolzen.“
Jonas und Leonie griffen hastig nach der Tupperdose. Der Streit war so schnell beigelegt, wie er angefangen hatte. Kathrin schnaubte leise.
Eine Weile saßen sie im Halbschatten unter dem Sonnenschirm und futterten Schokoladenkuchen.
„Kann ich gleich aufs Zimmer, bitte?“, fragte Leonie. „Ich hab Unterleibsschmerzen.“
Kathrin sah ihren Bauch an und nickte wissend.
„Klar kannst du das. Nimm dein Handy mit, falls was ist, wir bleiben noch eine Weile.“
„Dann darf ich aber auch mein Handy haben“, sagte Jonas. „Ich muss noch meine Farm bewirtschaften.“
„Du liest mal lieber ein Buch oder gehst ins Wasser“, sagte Markus. „Du kannst zuhause jeden Tag mit dem Handy spielen, hier wird die Natur genossen.“
„Aber mein Highscore geht in den Arsch, wenn ich nicht wenigstens jeden Tag spiele.“
Leonie war inzwischen aufgestanden, hatte sich ein Kleid über den nassen Bikini gezogen und steckte ihr Handy in die Tasche.
„Sei froh, dass Mama und Papa es dir verbieten, sonst wirst du noch so ein schlimmer Nerd wie dein Kumpel Khalid.“
„Halt’s Maul, Leonie“, sagte Jonas.
„Freundlich sprechen“, sagte Markus.
„Im Ernst, Jonas, Farm bewirtschaften? Wirst du nicht bald zehn? Vielleicht solltest du mal aufhören, immer Babyspiele zu spielen.“
„Ärger deinen Bruder nicht, Leonie“, sagte Markus.
„Genau, Leonie“, sagte Jonas. „Geh lieber ins Hotel zurück.“ Er betonte das Wort Hotel und machte Gänsefüßchen in die Luft.
„Was sollen die Gänsefüßchen?“, fragte Mama.
Leonie riss die Augen auf und machte eine abschneidende Geste mit der Hand vor dem Hals in Richtung ihres Bruders.
„Was sollen die Gänsefüßchen?“, fragte Mama nochmal. „Und was soll die Morddrohung?“
Jonas grinste Leonie an. „Ein Jahr Zimmer aufräumen, dann sag ich nichts.“
„Creme noch mal dein Gesicht ein, Leonie“, sagte Markus, „du wirst schon ganz rot.“
„Am Arsch räume ich dein Zimmer auf, du Kanalratte.“
Jonas zuckte mit den Schultern. „Sie will nicht ins Hotel, weil sie Bauchschmerzen hat. Sie will einen Jungen am Kiosk treffen.“
„Jonas!“, zischte Leonie.
„Einen Jungen?“, fragte Mama. „Was für einen Jungen?“
Leonie seufzte. Bei Mama half alles Leugnen eh nichts.
„Es ist kein Junge, Mama. Es sind mehrere Jungen. Es ist ganz harmlos.“
„Mehrere Jungen?“ Kathrin hob mahnend den Zeigefinger.
„Ja, aber es sind auch Mädchen dabei.“
„Glaub ihr nichts, Mama, sie will Ben treffen, den gestern vom Pool! Das ist ihr Lover.“
„Ihr was bitte?“
„Er ist nicht mein Lover! Ich bring dich um, Jonas!“
Leonie sah jetzt aus wie eine überreife Tomate.
„Dieser Junge mit der dunklen Haut? Der große?“
Leonie seufzte wieder. „Ja. Aber ich will doch nur ein Eis mit denen essen.“
„Erst Eis essen und dann einen Zungenkuss machen!“, lachte Jonas.
Mama ignorierte ihn.
„Wo kommt der denn her? Mit der dunklen Haut? Markus, sag doch auch mal was!“
„Was soll ich denn sagen?“, fragte Markus. Er klatschte eine Handvoll Sonnenmilch auf sein rechtes Ohr.
„Na was schon“, sagte Kathrin, „deine Tochter will hier einen Marokkaner treffen, und dir ist das egal?“
Leonie schüttelte den Kopf.
„Der ist überhaupt kein Marokkaner, Mama, der kommt aus Gelsenkirchen.“
„Das heißt ja heutzutage nichts“, sagte Kathrin.
„Du bist ja voll die Rassistin!“, sagte Leonie. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte. Kathrin stand auf und blickte Leonie ernst in die Augen.
„Leonie, ich will nur nicht, dass der dich antanzt oder so.“
„Warum sollte der mich antanzen“, fragte Leonie, „es läuft doch gar keine Musik.“
„Du solltest wirklich mehr Nachrichten gucken“, sagte Kathrin.
„Ich finde“, sagte Markus, „man sollte gar keine Nachrichten mehr gucken. Man ändert die Welt ja doch nicht, nur weil man weiß, wie kaputt sie ist.“
„Das ist das einzige, was dir dazu einfällt?“, fragte Kathrin.
„Er ist halt nicht so rassistisch, wie du“, sagte Leonie.
„Leonie!“, rief Mama.
„Das was du sagst ist schon ein bisschen rassistisch“, meinte Markus und cremte sich das linke Ohr ein.
„Man wird ja wohl noch Sorgen um seine minderjährige Tochter haben dürfen, oder?“
„Ja, aber nur weil sie einen jungen Mann trifft, heißt das nicht, dass der sie gleich antanzt oder schlimmeres.“
Jonas schüttelte verwirrt den Kopf.
„Ich verstehe immer noch nicht, warum Leonie nicht mit dem tanzen soll. Papa sagt immer, man soll jeden Tag mindestens ein Mal tanzen.“
„Das ist was anderes, Jonas“, sagte Kathrin. „Jedenfalls bleibst du schön in Sichtweite, Leonie. Ob der jetzt Marokkaner ist, oder nicht, spielt, keine Rolle, die Jungs in dem Alter wollen mehr als nur ein Eis mit dir essen.“
„Der Ben ist aber nicht so! Er hat mir gesagt, er hat noch nie so ein schönes Mädchen gesehen, wie mich.“
„Das ist doch …“, sagte Kathrin.
„Wo er Recht hat, hat er Recht“, unterbrach sie Markus. „Und es ist ganz normal, dass man sich in dem Alter ausprobiert, dass da Interesse an Körperlichkeit aufkommt, wir …“
„Iiih,“ sagte Leonie, „ich will überhaupt keine Körperlichkeit. Ich will nur ein Eis essen.“
„Und Zungenküsse machen“, wiederholte Jonas.
Leonie war jetzt so sauer, dass sie mit dem Fuß stampfte. Fünf Jahre zuvor hätte Markus ihr den Bauch gekitzelt, weil er das Füßestampfen so süß fand, aber dafür war sie jetzt zu alt.
„Wisst ihr was, ja, genau“, sagte Leonie, „ich geh jetzt zu dem hin und wir knutschen rum.“
Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon.
„Leonie!“, rief Kathrin hinterher.
„Lass sie“, sagte Markus. „Die provoziert doch nur.“
Eine Weile schauten die drei Leonie hinterher. Max gähnte in seinem Körbchen. Sheriff drehte sich von der linken auf die rechte Seite. Kathrin schüttelte den Kopf.
„Es ist gerade Mal drei Monate her, dass ich ihr …“ Kathrin sah Jonas skeptisch an, bevor sie weitersprach, „gezeigt habe, wie Stöpsel funktionieren, und jetzt will sie knutschen und provozieren?“
„Was für Stöpsel?“, fragte Jonas.
„Nichts, Jonas. Geh ins Wasser.“
„Weiß Leonie nicht, wie Ohrstöpsel funktionieren? Die ist echt dumm.“
„Geh ins Wasser, Jonas.“
„Ich will nicht ins Wasser.“
„Warum nicht?“, fragte Markus.
Jonas zögerte.
„Ich … ich glaube, ich habe vorhin einen Hai gesehen, und …“
Kathrin lachte.
„Das ist die Ostsee, mein Schatz. Hier gibt es keine Haie. Da musst du dir schon eine andere Ausrede einfallen lassen, wenn du Handy spielen willst.“
„Soweit ich weiß, gibt es tatsächlich Haie in der Ostsee“, sagte Markus.
„Mach unserem Sohn keine Angst. Hier gibt es nur Heringe.“
„Also natürlich sind das nur kleine, harmlose Haie. Da muss man wirklich keine Angst haben.“
„Siehst du, Jonas. Keine gefährlichen Haie.“
Jonas atmete auf.
„Ganz selten verirrt sich mal ein Weißer Hai hierher.“
Jonas schluckte hörbar.
„Ich würde lieber auch zum Kiosk gehen“, sagte er.
„Ist gut“, sagte Kathrin. „Hier hast du fünf Euro. Du kannst dir ruhig mehrere Sachen kaufen und ein bisschen da rumhängen, wenn du willst.“
„Danke, Mama.“
Jonas nahm den Geldschein in die Hand und lief davon.
„Damit er Leonie ausspionieren kann?“, fragte Markus.
Kathrin zuckte mit den Schultern.
Wieder saßen sie eine Weile da und schauten die flachen Ostseewellen an. Für einen Moment herrschte, bis auf die hunderte anderen Strandurlauber und deren eigenen Theater, Ruhe, und Kathrin fragte sich, ob sie sich wieder hinlegen sollte. Aber dann fing Max an zu weinen. Ein paar Sekunden ignorierten sie beide sein Jammern.
„Ich glaube, er hat Durst“, sagte Markus.
„Wahrscheinlich“, sagte Kathrin.
„Vielleicht will er gestillt werden“, sagte Markus.
„Vielleicht will er aber auch eine Cola“, sagte Kathrin. Sie mochte es nie besonders, wenn jemand offensichtliches aussprach. Max schrie ein bisschen lauter, und eine dicke Frau mit Sonnenhut drehte sich nach ihnen um.
„Du kannst ihn doch einfach hier stillen. Geht doch schnell.“
„Ich will hier aber nicht meine Brüste auspacken. Der Strand ist voll von alten Männern.“
„Es liegen drei junge Frauen oben ohne in unserer Sichtweite. Ich glaube kaum, dass die Männer sich da nach dir umdrehen.“
„Erstens: danke“, sagte Kathrin. Sie stand auf, kniete sich vor Max Bettchen und nahm ihn heraus. „Zweitens: Typisch, dass du genau weißt, wie viele nackte Frauen in deiner Umgebung liegen.“
Sie blieb in der Hocke, nahm Max auf die Beine und zog ihren Bikini runter. Max brauchte ein paar Sekunden, bis er den Nippel fasste. Der Mann der dicken Frau mit dem Sonnenhut drehte sich um und sah Max bei der Nahrungsaufnahme zu.
„Ich hoffe die Stillphase ist bald vorbei“, sagte Kathrin.
„Dann kommt aber bald die Trotzphase“, gab Markus zu Bedenken.
„Egal. Hauptsache ich muss nicht mehr meine Titten durch die Öffentlichkeit schaukeln.“
„Ich bin nur froh, dass Jonas aus der Fragephase raus ist“, sagte Markus.
„Dafür ist er jetzt voll in der Coolnessphase“, sagte Kathrin.
„Was ist die Coolnessphase?“
„Wenn die Jungs denken, sie wüssten alles und sind die coolsten Typen der Welt. Dabei sind sie die lächerlichsten Menschen der Welt sind.“
„Okay, ich weiß, was du meinst.“
„Du bist auch noch in der Phase.“
„Haha.“
„Tut mir Leid. Ich bin nur etwas gestresst. Und ich will nicht, dass Leonie mit so einem Typen rumläuft. Wieso ist die jetzt schon in der Pubertät? Sie war doch gerade erst in der Coolnessphase.“
Markus kratzte sich am Kinn.
„Kann es sein, dass man sich immer die nächste Phase für seine Kinder wünscht, als die, in der sie gerade sind?“
„Kann sein.“
„Jedenfalls dürfen wir auf keinen Fall noch eins machen“, sagte Markus.
„Auf keinen Fall“, stimmte Kathrin zu.
Markus dachte einen Moment nach.
„Eigentlich fängt der Mensch schon ab der Geburt zu sterben an.“
„Sehr philosophisch. Komm mal her.“
Kathrin winkte ihren Ehemann mit dem Zeigefinger zu sich. Markus schaute skeptisch, kam aber heran. Kathrin gab ihm einen Kuss auf die Wange. Markus lächelte.
„Du solltest dir nicht so viele Sorgen machen“, sagte er. „Die Kinder kommen schon klar.“
„Wahrscheinlich. Trotzdem ist es ein ungutes Gefühl, dass Leonie mit einem 18-jährigen rumläuft.“
Markus hielt einen Moment inne.
„Mit – mit einem 18-jährigen?“
„So genau weiß ich es nicht, aber er sieht deutlich älter aus, als sie.“
„Das … das wusste ich nicht“, sagte Markus.
Er kratzte sich wieder am Kinn. Dann kratzte er sich am Hals, und dann am Hinterkopf.
„Ich werde mir mal noch ein Eis vom Kiosk holen. Willst du auch eines?“
Ohne eine Antwort abzuwarten stand er auf und entfernte sich.
Max nuckelte noch ein Bisschen, ehe er ein Bäuerchen machte und wieder einschlief. Noch ein mal drehte sich der alte Mann vor ihr um und sah enttäuscht aus, dass ihre Brust wieder eingepackt war. „Auch einen Schluck?“, fragte Kathrin, woraufhin der Mann errötete und wieder nach vorn schaute.
Kathrin legte Max zurück in sein improvisiertes Bettchen. Als sie wieder auf ihre Matte wollte, lag Sheriff darauf.
„Du lebst also auch noch?“, fragte Kathrin. Seit sie im Urlaub waren, hatte sich Sheriff nur noch bewegt, um zu essen und sein Geschäft zu machen. Er war dreizehn, so alt wie Leonie. Die Sommerhitze setzte ihm zu. Kathrin hockte sich neben den Rauhaardackel und streichelte sein Fell.
„Du hast es durchschaut, oder? Fressen und schlafen. Darauf kommt es an.“
Sheriff legte den Kopf schief. Dann kam er noch näher an Kathrin heran, kuschelte seinen Rücken an ihren Bauch und legte sich nieder, das Köpfchen auf ihren Beinen.
„Bei Menschen habe ich manchmal das Gefühl,“, sagte Kathrin, und lehnte sich vorsichtig zurück, „dass egal wie alt sie werden, sie nie auch nur irgendwas verstehen.“